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Finanzkrise oder Krise des Kapitalismus? Elmar Altvater, Ökonom und Mitglied des wissenschaftlichen Beirats von attac Deutschland, erklärt, warum die Krise über eine Finanzkrise hinausgeht. Wir publizieren hier Ausschnitte aus einem Artikel, erschienen in der WoZ am 27.11.2008.
Die Finanzmarktkrise mit Geldspritzen zu bewältigen, heisst neue Krisen auslösen. Denn wer wird die Rettungspläne bezahlen - und wie?
Anfang Oktober schätzte der Internationale Währungsfonds (IWF) die Verluste durch die globale Finanzmarktkrise auf die ungeheure Summe von 1400 Milliarden US-Dollar. Die Bank of England stellte einen Monat später allein in den USA Marktverluste in der Grössenordnung von 1577 Milliarden US-Dollar fest. Im Eurogebiet kommen noch einmal 785 Milliarden US-Dollar und in England 127 Milliarden US-Dollar hinzu, dabei ist die Schweiz noch nicht einmal mitgezählt. All das summiert sich auf rund das Doppelte der IWF-Angaben vier Wochen zuvor und nahezu dreimal so viel wie die Verluste, die die Bank of England noch im April dieses Jahres schätzte (1150 Milliarden US-Dollar, im «Financial Stability Report» der Bank of England, Oktober 2008). In den immer dramatischer werdenden Meldungen zeigt sich, wie schnell sich die Lage zuspitzt; die Krise ist offenbar nur schwer unter Kontrolle zu bringen. Dazu sollen zwar die staatlichen Subventionen und Bürgschaften in Höhe von einigen Tausend Milliarden US-Dollar einen Beitrag leisten, doch ist der Erfolg ebenso ungewiss wie die zukünftige Belastung der SteuerzahlerInnen gewiss ist. Die Europäische Zentralbank (EZB) beziffert «mit grösster Schwierigkeit» die «fiskalischen Kosten der gegenwärtigen Finanzmarktturbulenzen» mit rund 3 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) im Eurogebiet; die «staatlichen Eventualverbindlichkeiten» freilich erreichen mehr als 2000 Milliarden Euro, und das wären 21 Prozent des BIP, wenn sie denn in Anspruch genommen werden (Monatsbericht der EZB, November 2008).
Man kann sich aussuchen, was grösseren Schrecken bereitet: Die astronomischen Verluste durch die globale Finanzmarktkrise und deren Verteilung mit Hilfe des Staates? Oder der Umstand, dass die Durchschnittstemperatur an den Polen um bis zu fünf Grad Celsius über dem langfristigen globalen Trend liegt? Der Klimakollaps ist ebenso bittere Realität wie die Finanz- und Wirtschaftskrise. Die Folgen sind mindestens so teuer wie die Finanzmarktkrise. Ein Fünftel des globalen Sozialprodukts kann, so der viel zitierte Report von Nicholas Stern für die britische Regierung aus dem Jahr 2006, durch den Klimawandel verloren gehen. Stellt man ausserdem in Rechnung, dass nach FAO-Angaben 923 Millionen Menschen in der Welt Hunger leiden und dass die Energiekrise wegen der Begrenztheit der fossilen Ressourcen (Peak Oil) keineswegs vorüber ist, auch wenn sich infolge der Finanz- und Wirtschaftskrise der Ölpreis im Herbst 2008 im Sinkflug befindet, versteht man, dass selbst das einer kritisch-emanzipatorischen Weltsicht nicht verdächtige Weltwirtschaftsforum von Davos besorgt «globale Risiken» ausgemacht hat, die die menschliche Sicherheit gefährden. Die Finanzmarktkrise ist also nur Teil einer viel umfassenderen Krise der Energieversorgung, der Nahrungssicherheit, des Klimawandels. Die Krise ist systemisch und sie hat das Potenzial, die Weltordnung zu verändern.
Krise - Kollaps oder Jungbrunnen?
In der Geschichte kollabierten Gesellschaften bislang niemals, wenn sie in eine schwere ökonomische und finanzielle Krise gerieten, und daher ist das auch heute nicht zu erwarten. Viele Menschen haben in Finanz- und Wirtschaftskrisen viel verloren. Doch sind die ökonomischen Krisen auch eine Art «Jungbrunnen» des Systems, das (gemäss dem Ökonomen Joseph Schumpeter) durch «schöpferische Zerstörung» in den Krisen seine Herrschaftsbasis erneuert. «Die Krisen sind», so Karl Marx, «immer nur momentane gewaltsame Lösungen der vorhandenen Widersprüche, gewaltsame Eruptionen, die das gestörte Gleichgewicht für den Augenblick wiederherstellen…» (Marx-Engels-Werke 25, Seite 277) - bis zur nächsten Krise.
Bei Naturkatastrophen ist das allerdings anders, sie verursachen unwiderrufliche Veränderungen - zumeist Verschlechterungen - der Umwelt. In der bisherigen Menschheitsgeschichte sind infolge ökologischer Katastrophen regionale oder lokale Kulturen auf der Strecke geblieben; die Gesellschaften auf den Osterinseln verschwanden, die Kulturen der Maya oder der Inka auch. Auch in Zeiten der Globalisierung kann die Zuspitzung der Krisen bis zum globalen Kollaps von Klima, Energieversorgung, Biodiversität und daher der Produktion von Nahrungsmitteln nicht gänzlich ausgeschlossen werden. Das wäre nicht nur ein bitterer monetärer Verlust wie in der Finanzmarktkrise, sondern die Zerstörung menschlicher Lebensbedingungen. Die Evolution würde einen Bruch erleiden und ganz anders, als wir es uns heute vorstellen, weitergehen.
Es ist keine Frage, dass die Industrieländer dafür hauptverantwortlich sind, dort befindet sich die «Mutter aller Krisen», das Konsum- und Produktionsmodell der kapitalistischen Metropolen. Es verlangt hohe Zuwachsraten der Produktivität, ist auf Massenproduktion und Massenkonsum ausgelegt und sorgt dafür, dass massenhaft Natur verbraucht wird: Rohstoffe, fossile Energie, Landflächen - und die Biodiversität wird durch Monokulturen beeinträchtigt. Zugleich sind die Industrieländer die Machtzentren der globalisierten kapitalistischen Welt und hätten daher das Potenzial, der systemischen Krise entgegenzusteuern - wenn denn die Eliten mitmachen würden. Doch sind sowohl die USA als auch die EU-Staaten und andere Industrieländer durch die globale Finanzkrise eingeengt. Das Geld ist ja eines der Medien des nationalstaatlichen und suprastaatlichen Interventionismus in Ökonomie und Gesellschaft. Viel Geld wird heute in das Finanzsystem gepumpt. Dieses fehlt dann für die Finanzierung von Massnahmen gegen den Hunger oder gegen den drohenden Klimakollaps. So beklagt die Hilfsorganisation Oxfam, die Industrieländer hätten die zugesagten zwölf Milliarden auf eine Milliarde US-Dollar zusammengestrichen. Mit diesem Betrag kann man gerade jedem hungernden Menschen einen US-Dollar zur Verfügung stellen. Hier wird gekleckert, bei der Bankenrettung hingegen geklotzt.
Wenn die Finanzkrise ein Aspekt einer systemischen Krise ist, ist zu ihrer Überwindung mehr verlangt als die Rettung von Bankhäusern, die sich mit «irrationalem Überschwang», wie dies Alan Greenspan nannte, verspekuliert haben. Vor allem ist darauf zu achten, dass die Art und Weise der Rettung nicht auf Kosten der Natur und der Zukunftschance der Menschen geht.
Elmar Altvater ist emeritierter Ökonomieprofessor und Mitglied des wissenschaftlichen Beirats von attac Deutschland.
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