|
Nestlé ist die Nummer 1 im weltweiten Markt für Flaschenwasser. Nestlé Waters besitzt 5 internationale Marken (Perrier, Contrex, Vittel, Acqua Panna et San Pellegrino), mehrere Dutzend lokale Marken in 37 Ländern weltweit, sowie neue Marken wie Pure Life oder Aquarel, was total einen Marktanteil von 19% ergibt. In allen fünf Kontinenten übernimmt Nestlé zunehmend existierende Marken (vgl. den kürzlichen Erwerb von Henniez) und erwirbt Konzessionen zur Nutzung von Quellen, wo sie Abfüllanlagen baut. Der Markt für Flaschenwasser befindet sich in voller Expansion: Ende der 1980er Jahre betrug das jährliche Volumen noch 7.5 Milliarden Liter; 2003 schon 84 Milliarden Liter. Insbesondere die Bevölkerung des Nordens konsumiert je länger je mehr Wasser in Flaschen ; das Angebot diversifiziert, die Wasserspender (wo Nestlé Marktleader in Europa und den USA ist) vervielfachen sich in Firmen, Verwaltungen und Einkaufszentren. Die Ursache dieser Entwicklung: sehr einflussreiche Marketing- und Medienkampagnen, welche die KonsumentInnen zu überzeugen versuchen, dass das Flaschenwasser besser, gesünder und reiner sei als das Hahnenwasser, was (zumindest in der Mehrheit der westlichen Länder) völlig falsch ist.
Über den absurden und überflüssigen Aspekt der Schaffung eines künstlichen Bedürfnisses und die Vermarktung eines ausserdem fast gratis zugänglichen Gutes hinaus bringt der Markt für Flaschenwasser negative ökologische, soziale und menschliche Folgen mit sich. Zuallererst aufgrund des hohen Preises: 300 bis 1000mal teurer als Hahnenwasser, kann Flaschenwasser zwar die wohlhabenden Klassen der zwei Erdhälften versorgen, aber es bleibt unerschwinglich für die mittellose Bevölkerung der Länder des Südens. Die Privatisierung der Wasserquellen ist schädlich für die traditionellen Wasserverteilungssysteme; Nestlé kauft oft zu spottbilligen Preisen Konzessionen zur Nutzung von Quellen, wodurch sich in der Folge die lokale Bevölkerung oft ihres lebenswichtigen und legitimen Zugangs zu Trinkwasser beraubt sieht.
Andere bedenkliche Folgen sind zu beobachten; um die unaufhörlich wachsende Nachfrage zu befriedigen, kann die Ausbeutung der Wasserquellen die natürliche Wiederherstellung des Wassers beeinträchtigen und zu Schäden des ökologischen Gleichgewichts führen. Der diesbezüglich bekannteste Fall ist in Brasilien: Während vieler Jahre hat Nestlé im Naturpark Sao Lourenço Quellenwasser abgepumpt und entmineralisiert, um das Flaschenwasser der Marke Pure Life zu produzieren. Das exzessive Abpumpen hat insbesondere die mineralische Zusammensetzung gewisser Quellen verändert und sogar zum Austrocknen einer Quelle geführt. Nach vielen Jahren von Protesten und juristischer Bemühungen hat 2006 schliesslich eine BürgerInnenbewegung in einer aussergerichtlichen Einigung mit Nestlé die Einstellung der Produktion erreicht. Leider sind die ökologischen Schäden irreversibel, was Nestlé immer noch nicht anerkennt hat. In Michigan (USA) hat Nestlé die Nutzungs-Lizenz für verschiedene Quellen erworben und dort Abfüllanlagen gebaut, um die Marke Ice Mountain zu produzieren. Dank einer Widerstandsbewegung, welche insbesondere von Eingeborenen geführt wurde, wurden seit dem Jahr 2000 Strafanzeigen wegen Schäden an der Umwelt eingereicht. Die Organisationen haben den Fall bis ans Oberste Gericht Michigans gebracht, welches anerkannte, dass Nestlé Umweltschäden verursachte, aber den Prozess unter dem Vorwand ablegte, dass die Anwohner nicht persönlich benachteiligt waren und somit nicht berechtigt waren, zu klagen. Anders gesagt, profitiert das Unternehmen von einer Gesetzeslücke, um ungestraft seine Aktivitäten fortsetzen zu können.
Die Flaschenwasser-Industrie verbraucht etwa 1.5 Millionen Tonnen Plastik pro Jahr. Die Herstellung von Plastik benötigt nicht-erneuerbare Rohstoffe und entlässt beträchtliche Mengen von chemischen giftigen Produkten ins Wasser und in die Luft. Nestlé brüstet sich mit ihrem Recycling-System, aber auf jede wieder verwertete Tonne Plastikflaschen werden vier Tonnen weg geworfen. Die nicht wieder verwerteten Plastikflaschen werden entweder in die Natur geworfen, wo sie sehr langsam abgebaut werden; über Müllhalden gelangen sie in die Erde, wo sich Giftstoffe lösen und das Grundwasser verschmutzen; oder sie werden in Kehrichtverbrennungsanlagen verbrannt, was Schadstoffe in die Luft freisetzt (Stickstoff, Schwefel und Kohlenoxide). Schliesslich muss auch die grosse Menge an Treibstoff erwähnt werden, welche für den Transport und Vertrieb der Flaschen benötigt wird!
Nestlé Waters ist ein wichtiger Akteur in der weltweiten Expansion des Marktes für Flaschenwasser und trägt deshalb eine grosse Verantwortung für die Folgen. Trotz der guten Absichtserklärungen ist und bleibt das Hauptziel der Firma das Wachstum und die Gewinnmaximierung. Es ist sehr problematisch, ein so wertvolles Gut wie Wasser einer solchen Logik zu unterwerfen. Der Gewinn (EBIT) von Nestlé Waters für das Jahr 2006 beträgt 834 Millionen SFr. Aber welche Bilanz soll man für die Menschen und die Umwelt ziehen?
|