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Nach dem Kapitalismus: Jeden Tag ein bisschen

Wir veröffentlichen einen kurzen Auszug aus dem soeben erschienenen Buch von Beat Ringger (Hrsg.): "Die Zukunft der Demokratie - das postkapitalistische Projekt". Mit Beiträgen von Willi Eberle, Urs Marti, Katrin Meyer, Patrizia Purschert, Beat Ringger, Hans Schäppi und Sarah Schilliger. Rotpunktverlag. Zürich 2008. Beat Ringger wird an der Sommeruni den Workshop "Dogmakrise" zusammen mit Bernhard Walpen bestreiten.

Die neoliberale Marktwirtschaft ist nicht das Ende der Geschichte. Eine andere Welt wäre möglich. In einigen Ländern Lateinamerikas wird diese neue Welt heute wieder gedacht und in Ansätzen praktiziert. Die Skizze einer postkapitalistischen, demokratischen Bedarfswirtschaft.

Kinderbetreuung, private Pflegetätigkeiten und Haushaltsführung gelten in der bürgerlichen Mainstream-Ökonomie nicht als Teil der Wirtschaft, obwohl rund die Hälfte aller geleisteten Arbeit auf diese Bereiche entfällt (Mascha Madörin, "Denknetz-Jahrbuch", 2007). Diese Geringschätzung der privat erbrachten Care Economy steht im krassesten Gegensatz zu allen Erkenntnissen der Psychologie, die längst verstanden hat, welch prägenden Einfluss die Erfahrungen der ersten Lebensjahre auf die Persönlichkeitsbildung ausüben und wie wesentlich sie dafür sind, wie viel ein Mensch von seinen Potenzialen verwirklichen kann.

Statt die Arbeit mit Kindern in die höchsten Ränge zu erheben, wird sie aber im Kapitalismus weitgehend der "privaten" Bürde der Einzelnen überlassen. Und statt zumindest darauf zu achten, dass die private Arbeit mit Kindern unter guten Umständen erfolgen kann, werden durch die zunehmende Prekarisierung der Arbeitswelten die Lebensbedingungen vieler Eltern und ihrer Kinder massiv bedrängt.

Demokratie in Schlüsselbranchen

Als zweiter grosser Wirtschaftssektor ist der Service public nicht direkt der Kapitalverwertung unterworfen: In den entwickelten kapitalistischen Ländern umfasst er rund ein Viertel der Wertschöpfung und einen etwa gleich hohen Beschäftigungsanteil. Der Service public befriedigt individuelle und kollektive Bedürfnisse, deren Erfüllung für das Funktionieren einer Gesellschaft unerlässlich ist und deren Befriedigung deshalb nicht den Profitkriterien untergeordnet werden soll. Welches diese Bedürfnisse sind und was dem Service public zugerechnet wird, ist das Ergebnis sozialer und politischer Auseinandersetzungen.

Die Ebene der Branchen wird in einer postkapitalistischen Gesellschaft eine weitaus grössere Bedeutung erlangen, als dies heute der Fall ist. Während im Kapitalismus Firmen mit ähnlichem Produkteportfolio in scharfer Konkurrenz zueinander stehen und Kooperationen praktisch ausgeschlossen sind, wird in den Schlüsselbranchen einer Bedarfswirtschaft die offene Zusammenarbeit zwischen Betrieben zum Normalzustand. Neue Produkte und Produktionsverfahren werden an Branchenkonferenzen vorgestellt und diskutiert und gelangen, wenn erprobt, überall zum Einsatz, wo dies sinnvoll ist. Entwicklungsteams arbeiten betriebsübergreifend zusammen, ebenso Teams, die sich mit der Ergonomie, der Nachhaltigkeit und vielen weiteren Fragen befassen. Ansätze zu einer solchen "Branchendemokratie" finden sich bereits heute in der Informatik im Rahmen der Open-Source-Bewegung. Sie lässt sich auch auf internationaler Ebene entwickeln.

Beat Ringger

 

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Online am 26. August 2008

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