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Israels Angriff auf den Gazastreifen beruht auf falschen Annahmen

Aufgrund der tagespolitischen Brisanz drucken wir zwei kritische Artikel über den militärischen Konflikt im Gaza ab. Der erste Artikel von Tom Segev, erschienen im Tages Anzeiger (30.12.2008), plädiert für die Gesprächsaufnahme zwischen Israel und den Hamas. Das Interview vom Deutschlandfunk mit Rolf Verleger (29.12.2008) betont die Wichtigkeit des internationalen Drucks auf Israel für die Beendigung des Konfliktes.

Von Tom Segev

Das israelische Fernsehen hat am Samstagmorgen eine interessante Mischung gesendet: Die Korrespondenten des Senders berichteten aus Sderot und Ashqelon, aber die Bilder auf dem Schirm stammten aus dem Gazastreifen. So strahlte das Fernsehen, wenn auch unbeabsichtigt, die richtige Botschaft aus: Ein Kind in Sderot ist gleich wie ein Kind in Gaza, und wer immer einem Kind, egal wo, Schaden zufügt, ist böse.

Doch der Angriff auf Gaza ruft nicht zuerst und vor allem nach moralischer Verurteilung - er verlangt nach einigen historischen Reminiszenzen. Sowohl die Rechtfertigung wie die Ziele des Angriffes sind die Wiederholung der selben Thesen, die sich Mal für Mal als falsch erwiesen haben. Und doch zieht Israel sie wieder und wieder aus dem Hut, in einem Krieg nach dem andern. Israel schlägt auf die Palästinenser, um «ihnen eine Lektion zu erteilen». Das ist eine These, die den Zionismus seit seinen Anfängen begleitet: Wir sind die Vertreter des Fortschritts der Aufklärung, der hohen Rationalität und Moral, während die Araber ein primitiver, gewalttätiger Haufen sind, ungebildete Kinder, die erzogen und Weisheit gelehrt werden müssen - mit der Methode von Zuckerbrot und Peitsche, wie es der Eseltreiber mit seinem Vierbeiner macht.

Die Bombardierung Gazas soll auch «das Regime der Hamas liquidieren» - entsprechend eines anderen Postulats, das mit der zionistischen Bewegung seit den Ursprüngen einhergeht: Dass es möglich ist, den Palästinensern eine «moderate» Führung aufzuzwingen, eine Führung, die ihre nationalen Aspirationen aufgibt. Israel hat immer geglaubt, dass es palästinensische Zivilisten dazu bringen könne, sich gegen ihre eigene Führung zu erheben, wenn man die Bevölkerung leiden lasse. Diese Annahme hat sich wiederholt als falsch herausgestellt.

Israel hat alle Kriege aufgrund einer weiteren Annahme geführt, die es seit der Staatsgründung hegt: Dass wir lediglich uns selbst verteidigen. «Eine halbe Million Israeli unter Feuer», titelte am Sonntag die Boulevardzeitung «Jedioth Ahronoth» - so als wäre der Gazastreifen nicht seit längerem Ziel einer Belagerung, die eine ganze Generation von Palästinensern der Chance beraubt, ein menschenwürdiges Dasein zu führen.

Zugegeben, es ist nicht möglich, unter täglichem Raketenbeschuss zu leben, selbst wenn es heute auf der Welt kaum einen Ort mehr gibt, wo es sich ohne jeden Terror leben lässt. Doch die Hamas ist keine Terroristenorganisation, welche die Bewohner Gazas als Geiseln hält: Sie ist eine religiös motivierte nationalistische Bewegung, und eine Mehrheit der Bewohner Gazas glaubt an ihren Weg. Sicher kann man sie attackieren, und angesichts des Umstandes, dass Wahlen zur Knesset anstehen, könnte dieser Angriff sogar zu einer Art Waffenstillstand führen. Aber da ist noch eine weitere historische Wahrheit, an die zu erinnern sich in diesem Zusammenhang lohnt: Seit den Anfängen der zionistischen Präsenz im Lande Israel hat keine militärische Operation je einen Dialog mit den Palästinensern bewirkt.

Gesprächsstoff gäbe es

Die gefährlichste aller Annahmen aber ist der Gemeinplatz, dass es auf der anderen Seite niemanden gibt, mit dem man sprechen könnte. Das war nie der Fall. Es gibt Mittel und Wege, mit der Hamas zu reden, und Israel könnte der Organisation sogar etwas anbieten: Ein Ende der Belagerung Gazas und die Erlaubnis von Bewegungsfreiheit zwischen Gaza und dem Westjordanland könnte den Alltag im Küstenstreifen wieder normalisieren.

Gleichzeitig würde es sich lohnen, die alten Pläne abzustauben, die nach dem Sechs-Tage-Krieg ausgearbeitet wurden und laut denen Tausende von Familien von Gaza in die Westbank hätten umziehen können. Diese Pläne wurden nie verwirklicht, weil das Westjordanland als jüdisches Siedlungsgebiet vorgesehen war. Das war die schändlichste aller Arbeitsthesen.

Der Historiker Tom Segev ist Kolumnist von «Haaretz» und Autor mehrerer grundsätzlicher Werke zur israelischen Geschichte. Zuletzt erschien von ihm: «Die ersten Israeli. Die Anfänge des jüdischen Staates».

Quelle: Tages Anzeiger 30.12.2008

 

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Online am 8. Januar 2009

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