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Genf, Bern, 9. Dezember 2005.
In einem in Genf der internationalen Presse vorgestellten Aufruf warnen rund 150 internationale Gewerkschaften, NGOs und soziale Bewegungen vor einem weltweiten
Anstieg der Arbeitslosigkeit durch die laufende Liberalisierungsrunde der
Welthandelsorganisation (WTO). Rund zehn Tage vor der Ministerkonferenz, die vom 13.
bis zum 18. Dezember in Hong Kong stattfinden wird, verlangen die Organisationen -
darunter rund ein halbes Dutzend aus der Schweiz* - ein Moratorium auf die
Handelsverhandlungen.
Der Ende letzter Woche publik gemachte Aufruf erinnert daran, dass sich die Handelsminister der
Welt im April 1994 in Marrakesch bei der Gründung der Welthandelsorganisation (WTO) dazu
verpflichteten, weltweit die Vollbeschäftigung zu sichern. Heute, zehn Jahre später, seien immer
noch ganze Weltregionen von Reichtum und Entwicklung ausgeschlossen; der Anteil absoluter
Armut habe sich in vielen Erdteilen sogar erhöht. Die Arbeitslosigkeit sei überall auf der Welt
angestiegen, und die Qualität der bestehenden Beschäftigung in vielen Fällen prekär geworden.
Zwar seien diese Entwicklungen nicht allein auf die WTO zurückzuführen. Zahlreiche Länder
seien aber durch Marktöffnung und forcierter Teilnahme am Welthandel ärmer geworden. Die
zutiefst asymmetrischen Regelungen über Handel und Investitionen hätten die Armut verschärft,
indem einerseits im Rohstoff- oder Agrarexportsektor natürliche Lebensräume von Fischer,
indigenen Bevölkerungen oder Kleinbauern zerstört und andererseits Kleinstrukturen in Handel,
Handwerk und Gewerbe durch transnationale Konzerne aus den Industrieländern in den Ruin
konkurrenziert worden seien.
»Entwicklungsagenda« spurlos verschwunden
Der Aufruf wurde zehn Tage vor der WTO-Ministerkonferenz in Hong Kong, welche die so
genannte »Doha Entwicklungsagenda« zu Ende führen soll, der Öffentlichkeit vorgestellt. Diese
Verhandlungsrunde hätte zwar den Entwicklungsländern eine differenzierte Behandlung bei der
Marktöffnung versprochen, damit deren Volkswirtschaften nicht von Billigprodukten aus dem
reichen Norden überschwemmt und zerstört würden. Doch von »Entwicklungszielen« sei im
laufenden Konkurrenzkampf zwischen den grossen Handelsmächten keine Spur mehr zu finden,
so der Aufruf weiter.
Als einzige Gewinner der forcierten Marktöffnung und Überproduktion in der Landwirtschaft
zeichneten sich die Konzerne des globalen Agro-Business ab; durch den möglichen Billigimport
von Agrarprodukten seien rund zwei Milliarden Menschen, die grossteils in kleinstrukturierten
Landwirtschaftsbetrieben arbeiten, in ihrer Existenzgrundlage bedroht. Die von den
Industrieländern geforderte massive Reduktion der Einfuhrzölle bei Industrieprodukten habe
ähnlich schwerwiegende Auswirkungen: Da Entwicklungsländer ihre junge Industrie in erster
Linie durch Zölle schützten, führe deren Abbau unweigerlich zu einer massiven
Desindustrialisierung des Südens und damit zu steigender Arbeitslosigkeit. Und da wo tatsächlich
neue Arbeitsplätze geschaffen würden, so geschehe dies auf Kosten von Jobs in den
Hochlohnländern.
Auch die Liberalisierung im Dienstleistungssektor habe nicht das versprochene Jobwunder
gebracht: Das Dienstleistungsabkommen GATS ziele in erster Linie auf die Abschaffung von
Investitionsschranken, welche den grossen Konzernen die Übernahme von bereits bestehenden
Dienstleistungen ermögliche. Entlassungen seien besonders in ehemals öffentlichen Diensten die
Regel geworden, wie das europäische Beispiel zeigt, wo allein in den Bereichen Transporte,
Telekommunikation und Elektrizität in den 90er Jahren 850’000 Arbeitsplätze vernichtet wurden.
Das gegenwärtige Paradigma Handel => Wachstum => Entwicklung habe also versagt, schliesst
der Aufruf: Nicht nur seien seit den 60er Jahren mit zunehmender Handelsliberalisierung die
Wachstumsraten von 3.6% auf 1,1% geschrumpft. Auch finde zunehmend Wachstum ohne
Beschäftigung statt; Gewinne würden nicht mehr produktiv investiert, sondern flössen direkt in
die Kassen der transnationalen Unternehmen und deren Aktionäre, welche vom zunehmenden
Lohndumping profitierten. Rund 150 zivilgesellschaftliche Organisationen, Gewerkschaften und
Bauernorganisationen weltweit verlangen daher ein Moratorium auf die laufenden
Verhandlungen, da sie weder den Bedürfnissen der Entwicklungsländer, noch der Bauern und
Arbeiter im Süden wie im Norden gerecht würden.
Auch die Schweiz betroffen
Auch die Schweiz hat im Industrie- und Dienstleistungsbereich übertriebene
Liberalisierungsforderungen an die Entwicklungsländer gestellt. Doch selbst die Schweizer
Landwirtschaft bleibt von der Jobvernichtung nicht verschont. Umsatzeinbusse von bis zu 2,5
Milliarden Franken werden erwartet, welche die Bauer massiv treffen wird. attac schweiz,
Solifonds, Unia und Uniterre haben daher als unterzeichnende Schweizer Organisationen den
Aufruf Bundesrat Joseph Deiss, WTO-Verhandlungsleiter Luzius Wasescha sowie sämtlichen
Bundesparlamentariern zukommen lassen. Von ihnen fordern die Organisationen, sich im Sinne
einer echten Entwicklungsrunde im Welthandel für einen Abbruch der laufenden Verhandlungen
einzusetzen.
*Es handelt sich um Alliance Sud, attac schweiz, Erklärung von Bern, Solifonds, Unia, Uniterre und vpodngo.
Die gesamte Liste der Unterzeichner kann unter www.world-psi.org/wtoandjobs aufgerufen werden.
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