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Finanzkapitalismus

Oliver Fahrni hat in der WochenZeitung WOZ (Ausgabe vom 3. Mai 2007) einen Artikel über Finanzspekulation veröffentlicht, von dem wir hier einen kurzen Auszug drucken. An der Sommeruni von attac schweiz wird er den Workshop "Finanzkrise, Spekulation und Steuerpolitik" bestreiten.

Wer die Verhältnisse bewegen oder ihnen auch nur ein wenig Spielraum abringen möchte, sollte sich zuerst einen Begriff davon machen, wie sie beschaffen sind - und was sie antreibt. Merkwürdigerweise ist uns die alte, schöne Gewohnheit des Begreifens abhanden gekommen. Für grosse Teile der Linken ist der aktuelle Kapitalismus, unter dem wir arbeiten, unsere Haut zu Markte tragen, Beziehungen knüpfen, Existenzen bauen, nur noch ein blinder Fleck.

Merkwürdig ist das nicht nur, weil das Kapital längst alle Lebensbereiche ökonomisiert, bis hinein ins Intime. Seine Mechanik zu verstehen, um sie besser zu unterlaufen, wäre zumindest eine Frage persönlicher Autonomie. Bizarrer aber ist die Unwilligkeit, den neuen Finanzkapitalismus zu fassen - denn er ist dabei, die Grundlagen von Wirtschaft, Gesellschaft und Politik, wie wir sie kennen, zu zerstören.

Der Kapitalismus mutiert. Von einem mächtigen Verwertungstrieb bewegt, hat das Finanzkapital begonnen, die wirtschaftliche Substanz zu plündern, die Generationen geschaffen haben. Swissmetal war das Vorspiel, die feindlichen Übernahmen der alten Schweizer Industriegruppen Oerlikon (ex-Bührle, ex-Unaxis), Saurer, Ascom, Sulzer, ­Implenia (Bauindustrie) durch Hedgefonds (siehe unten) und andere Financiers sind nur der Anfang: Die Demontage der produzierenden Schweizer Wirtschaft läuft.

Der Konflikt wäre also akut und brisant, und es liessen sich wohl auch ziemlich breite Bündnisse schmieden. Aber nichts geschieht. Schwierige Materie? Schlechtes Kräfteverhältnis? Ach was. Jetzt, da die Linke, vorab die SP, kaum noch weiss, wie sie heisst und wo sie wohnt, hätte sie, kein geringes Paradox, zum ersten Mal seit dem Generalstreik 1918 eine scharfe Waffe gegen die kapitale Ordnung in der Hand, einen grossen Hebel.

Abgekoppeltes Finanzkapital

Was tun Hedgefonds? Sie arbeiten als Geldmaschinen für die rund 8000 heftig umworbenen Superreichen der Welt (High Net Worth Individuals), für Banken, Versicherungen und institutionelle AnlegerInnen wie Pensionskassen. Wer bei ihnen Geld einlegt (Mindesteinlage zwischen 20 und 100 Millionen Dollar), ist nicht bekannt - meist bleibt auch im Halbschatten von Bankgeheimnis, Offshoreplätzen und Treuhandfirmen, was die Hedgefonds denn genau machen.

Oliver Fahrni

Was sind Hedgefonds? Bis vor kurzem unterschied man grob zwischen Investmentfonds (vergleichsweise streng geregelt), Private-Equity-Fonds (Fonds, die sich auf nicht börsenkotierte Unternehmen spezialisiert haben) und Hegdefonds. Die Trennung wird zunehmend unscharf. Private Equity und Hedgefonds wachsen zusammen, und viele Anleger schichten ihr Kapital aus den Investmentfonds in Hedgefonds um. In wenigen Jahren, vermutet die Banque Pictet, werden Hedgefonds das Instrument aller Investoren sein. Besser würde man sie freilich Desinvestoren nennen.

 

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Online am 26. August 2008

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