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Eine Krise des heutigen Kapitalismus

Die sogenannte Subprime-Krise erschüttert seit Monaten die internationale Finanzwelt. Alleine die UBS hat bisher Abschreibungen in Milliardenhöhe bekannt gegeben. Aber hinter diesen Ereignissen steht nicht nur eine Mischung aus Arroganz, Inkompetenz und Profitgier, vielmehr sind die Ursachen der Krise in der Entwicklungsdynamik des heutigen Kapitalismus selbst zu suchen. Charles-André Udry, einer der RednerInnen an der Sommeruni von attac, legt Zusammenhänge dar (Beitrag gekürzt).

Am 22. Februar 2008 beklagte der Leiter der Schulen von Palm Beach (Florida) einen Skandal: Die Zinsen, die er für die Finanzierung seiner Schulen – mit 170’000 Schulkindern – zahlen muss, sind von 107’000 Dollar im Dezember 2007 auf 220’000 Dollar Anfang 2008 gestiegen.

Damit stehen wir mitten in der "Subprime-Immobilienkrise": Immobilienkredite an Haushalte mit "unsicherer Zahlungsfähigkeit", wie die Banken… heute sagen.

Es gibt einen unmittelbaren Grund für den Anstieg der Zinsen, die der Schulleiter von Palm Beach bezahlen muss: Die Zinssätze für kurzfristige Darlehen (auf 7 Tage) an Gemeinden sind explodiert. Warum? Weil die Kreditgeber den Gemeinden nicht mehr so einfach Geld leihen wollen. Weshalb? Weil sie nicht sicher sind, dass diese in der Lage sind, die Darlehen zurückzuzahlen, wenn eine Wirtschaftskrise kommt – um so mehr, als ihre Steuereinnahmen bereits sinken und bei einer Rezession einbrechen werden.

Kreditkapitalismus

Was ist ein wichtiger Zug dieser Entwicklung? Lassen wir Alan Greenspan sprechen, den ehemaligen Chef der amerikanischen Zentralbank (1986-2007): „Der Anteil der Löhne am Nationaleinkommen der USA und weiterer Industrieländer liegt heute im historischen Vergleich ausserordentlich tief.“ (Financial Times, 16. 9. 2007) Stephen Roach, der scharfsinnige Chefökonom von Morgan Stanley, macht Ende 2007 an einer Konferenz in China dieselbe Feststellung! Er betont das Ausmass dieser ungleichen Verteilung von Kapitaleinkommen und Löhnen in allen G7- Ländern, mit einer deutlichen Verschärfung seit 2001.

Der Kreditfluss diente als Antwort auf die Überproduktionskrise des Kapitalismus. Wie funktionierte das? Um die in USA produzierten oder durch Wal-Mart aus China importierten Güter zu verkaufen, um neue Häuser zu bauen und verkaufen, um Autos auf dem Markt abzusetzen – und um den durch all diese Waren getragenen Mehrwert zu realisieren – war es notwendig, dass sich die Lohnabhängigen, deren Einkommen stagnierten, stark verschuldeten. So konnte der Konsum ansteigen, auch wenn dies immer mehr im Kontrast zur Einkommensentwicklung der Bevölkerungsmehrheit stand.

Wohin gehen die Gewinne?

Ein Teil der Schlussfolgerung bezieht sich auf eine wichtige Eigenschaft des Kapitalismus von heute. Der Rückgang der Arbeitseinkommen bei der Verteilung des – durch die Arbeit produzierten – Reichtums verursacht einen starken Anstieg der Gewinne vieler Unternehmen. Das zeigt sich an den Gewinnen der börsenkotierten Unternehmen, den enormen Bonuszahlungen für die Topmanager und den Milliarden, die den Aktionären ausbezahlt werden.

Dieses Geld soll zu einem Grossteil in Investitionen fliessen, wird uns gesagt. Doch die Studien über die Entwicklung der Investitionen zeigen auf, dass das nicht stimmt. Ein Grossteil dieses Mehrwerts fliesst nicht wieder in die Produktion, sondern geht andere Wege.

Offensichtlich ist, wenn es auch meistens nicht richtig verstanden wird: Ein wichtiger Teil des Mehrwerts, der den grossen Kapitaleigentümern zufliesst, wird in Finanzkreisläufe gesteckt. Darin liegt die Ursache der so genannten Finanziarisierung des Kapitals. Dieses durch die Banken – unter anderem im Bereich der Vermögensverwaltung – verwaltete Kapital erhebt Anspruch auf einen Teil des Mehrwerts, es beansprucht das Recht für sich, wie ein Blutegel an dem Mehrwert zu saugen, den die Lohnabhängigen weltweit produzieren.

Es gibt nicht zwei Kapitalismen

Es gibt nicht auf der einen Seite den guten Kapitalismus, der Industriegüter herstellt, und auf der anderen den schlechten Finanzkapitalismus, der reguliert werden muss, wie die Sozialdemokraten sagen. Vielmehr existiert eine kapitalistische Logik weltweiter Ausbeutung. Sie stützt sich heute auf einen Weltmarkt für Arbeitskräfte, auf dem Lohnabhängige aus der ganzen Welt in eine Konkurrenz gegeneinander versetzt werden, und auf einen Weltmarkt für Investitionen, der dazu dient, möglichst grosse Gewinne der immer stärker werdenden transnationalen Konzerne zu sichern.

Charles-André Udry

 

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Online am 26. August 2008

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