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Die Studierendenbewegung in Bern – Strohfeuer oder langfristige Zusammenarbeit?

Am 17. November 2009 haben an der Universität Bern zwischen 50 und 250 Menschen die Aula des Hauptgebäudes besetzt. Nach acht Tagen intensiven Auseinandersetzungen haben die Beteiligten den Raum wieder freigegeben. Die Bewegung steht nun vor zukunftsweisenden Herausforderungen.

Nachdem eine Demonstration, welche am 17. November 2009 von der SUB (StudentInnenschaft der Universität Bern) organisiert wurde und ca. 300 Personen versammelt hat, vor dem Hauptgebäude der Universität Bern aufgelöst wurde, haben sich ca. zwei Drittel der Beteiligten dazu entschieden, die Aula zu besetzen. Diese Besetzung wurde weder von einem Organisationskomitee vorgeplant, noch hat sich bei der Besetzung selbst eine Kerngruppe entwickelt, welche die Besetzung in die Hand nahm. Jede einzelne Entscheidung wurde kollektiv diskutiert. Hingegen wurden schnell verschiedene Arbeitsgruppen gebildet, die für die unterschiedlichen Bedürfnisse, die bei einer Besetzung entstehen, die Verantwortung übernahmen: AG-Inhalt, AG-Medien, AG-Programm, AG-Essen, AG-Vernetzung.

Der Kontext der Besetzung

Die Berner Besetzung steht in einem Kontext, in dem drei parallele Entwicklungen feststellbar waren. Die erste liegt in der Entscheidung der philosophischen Fakultät und des Rektorats der Universität Bern, den Studiengang Soziologie indirekt aufzuheben, indem nur noch ein Bachelor in Sozialwissenschaften absolviert werden kann. Das Studienfach Soziologie taucht dabei neben Politik- und Medienwissenschaften unter, nicht nur quantitativ (Besetzung der Professuren), sondern auch qualitativ (inhaltliche Neuausrichtung). Vor sechs Monaten hat dann auch eine Gruppe von Studierenden die Fakultätsratsitzung besetzt und somit den Entscheid, die Soziologie in Sozialwissenschaften aufgehen zu lassen, vertagt. Der definitive Entscheid konnte schliesslich nicht verhindert werden. Jedoch haben sich zu diesem Anlass verschiedene Studierende – nicht nur von der Universität Bern – das erste Mal vernetzt. Diese Tatsache ist Ausdruck eines Unbehagens gegenüber gewissen universitären Entwicklungen (Verschulung etc.), welches bei vielen Studierenden vorzufinden ist.

Zweitens: Im Grossen Rat des Kantons Bern wird zurzeit das neue Universitätsgesetz (UniG) diskutiert. Dieses sieht eine weitere Ökonomisierung der Bildung vor: Bildung wird vermehrt zu einem Investitionsgut, welches eine Exzellenz ausbildet und somit nicht unabhängiges sondern nur noch marktgerechtes Wissen vermittelt. Auch soll nach dem neuen UniG ein Unibeirat eingeführt werden, nämlich nach dem Vorbild von Basel und Zürich. Im ersten Fall besetzten vorwiegend VertreterInnen der Basler Chemie die Sitze, im zweiten sind es VertreterInnen von Banken und Versicherungen. Die SUB hat sich gegen das neue UniG ausgesprochen und zu diesem Anlass auch die Demonstration am 17. November organisiert, welche als einer der Ausgangspunkte der Besetzung betrachtet werden kann. Die SUB war dann auch eine der einzigen offiziellen Studierendenorganisation, welche die Besetzung inhaltlich unterstützt hat. In Basel und Zürich sahen sich die BesetzerInnen mit der Kritik der offiziellen Studierendenorganisationen ihrer Universität konfrontiert.

Drittens: Die internationale Dynamik gegen die Bologna-Reform, welche in Wien ausgelöst wurde und zu zahlreichen Besetzungen weltweit führte, hat schnell auch in der Schweiz Wurzeln geschlagen. Um den 10. November haben Studierende der Universität Basel die Aula besetzt, am 17. November Studierende aus Zürich und Bern. Einige Tage später wurden auch die Aulen in Genf und Lausanne besetzt.

Die Forderungen

Die Forderungen, welche die Beteiligten der Besetzung ausformulierten, waren in erster Linie auf ihre eigene Situation als Studierende fokussiert, gingen jedoch auch über die unmittelbaren Bedürfnisse der Studierenden hinaus und integrierten andere soziale Gruppen. So wurden z.B. die Arbeitsverhältnisse des Mittelbaus, des administrativen Personals sowie des Putz- und Mensapersonals angesprochen und in Verbindung zur Studierendensituation gebracht. Zudem wurden durch die Teilnahme von Lehrlingen und jungen Berufstätigen an der Besetzung weitere Fragen thematisiert. So fand z.B. schon am zweiten Tag eine Veranstaltung zur 4. Revision der Arbeitslosenversicherung statt. Die Forderungen der Besetzenden zielten auf die Kritik und die Überwindung der Ökonomisierung aller gesellschaftlichen Lebensbereiche. Zudem wurde das selektive Bildungssystem allgemein kritisiert und Vorschläge in Richtung „Bildung für alle“ formuliert. Die Details der Forderungen sind im Artikel „Warum besetzen wir unsere Aula?“ in dieser Ausgabe von Attactuell zu finden.

Die Erfolge der Besetzung

Erfolge können mindestens drei benannt werden. Erstens konnten durch die Besetzung sehr viele Leute mobilisiert und politisiert werden, welche zum ersten Mal an solchen Aktionen teilnahmen. Das persönliche Unwohlgefühl gegenüber den sich verändernden Zuständen an der Universität (Verschulung, Kontrolle etc.) erhielten durch die Besetzung eine kollektive Dimension. Zweitens zeigten die Beteiligten vorbildlich, was basisdemokratische Selbstorganisation heisst. So wurden z.B. die politischen Inhalte und die Forderungen stets gemeinsam diskutiert und im Konsensverfahren entschieden. Dadurch wurde ein Maximum an Meinungen in die Entscheidungsfindung integriert und die inhaltlichen Auseinandersetzungen führten zur Stärkung der eigenen Positionen. Schliesslich war das von den Besetzenden organisierte Podium mit Rektor U. Würgler, Erziehungsdirektor B. Pulver und VertreterInnen des Mittelbaus, der SUB und der Besetzung selbst in der Aula ein Erfolg. Ca. 400 Studierende haben sich an der Diskussion um die Forderungen der Besetzenden am letzten Abend (25. November) beteiligt.

Die Probleme der Besetzung

Nebst der vorwiegend positiven Erfahrungen, welche durch die Besetzung gemacht wurden (z.B. Politisierung von Leuten, die bis dahin in keine politischen Gruppen aktiv waren; Vernetzung von unterschiedlichen Gruppen; kollektive Erarbeitung von konkreten Forderungen etc.), wurden auch Schwierigkeiten erlebt. Zwei grössere Probleme können benannt werden, welche sich gegenseitig bedingen. Einerseits wurde der Moment verpasst, während der Besetzung die „Bildung“ selbst in die Hand zu nehmen. Zwar wurden am ersten Tag zwei grössere Veranstaltungen zum neuen UniG und zur Revision der Arbeitslosenversicherung von den Besetzenden selbst organisiert, die „Eigenbildung“, also die autonome Organisation „unserer Uni“ geriet jedoch schnell in den Hintergrund. Die Beteiligten waren vorwiegend mit praktischen Arbeiten beschäftigt (kochen, sich mit anderen Universitäten vernetzen etc.). Diejenigen Erfahrungen, die z.B. in Zürich gemacht wurden (zwei bis vier inhaltliche Veranstaltungen pro Tag, sowohl eigene Vorträge, wie auch externe mit K. Wyss, A. Demirovic etc.), wurden in Bern nicht gemacht. Dies wirkte sich andererseits auf die Beteiligung an der Bewegung aus. Sie verlor schnell an Dynamik, was dazu führte, dass vorwiegend die gleichen Leute in den gleichen Arbeitsgruppen die gleichen Aufgaben übernahmen.

Wie weiter?

Die Aula wurde am 25. November 2009 freigegeben, ohne auf die Vorschläge des Rektor einzugehen (Benutzung von Universitätsräumen unter den Bedingungen: drei an der Universität Bern studierende Personen müssen ihre Personalien angeben; die Räume werden nur in Abmachung mit dem Rektorat benutzt etc.). Hingegen wurden schon erste Sitzungen mit ca. 40 Personen im Anschluss an die Besetzung organisiert. Die Arbeitsgruppen werden weitergeführt, mit den Schwerpunkten der Weiterentwicklung der inhaltlichen Forderungen, der konkreten Aktionen und der Ausweitung der Bewegung über die universitären Grenzen hinaus. Der politische Inhalt der Berner Bewegung wird zeigen, ob sie selbst ein Strohfeuer oder eine langfristige Zusammenarbeit zwischen den beteiligten Personen darstellt.

Maurizio Coppola

 

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Online am 6. Januar 2010

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