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Am Anderen Davos soll auch die menschenverachtende Lagerhaltung, die MigrantInnen in und um Europa angetan wird, thematisiert werden. Hierzu wird Marc Bernardot, verantwortlich für den Schwerpunkt "Lager und Einsperrung von AusländerInnen" beim wissenschaftlichen Netzwerk Terra, sprechen. Wir publizieren hier Ausschnitte aus einer seiner Arbeiten zum Thema (Red.).
Die Zwangsunterkunft bezeichnet Räume, die institutionell als Provisorium für Empfang und Behausung von Bevölkerungsgruppen vorgesehen sind, welche als unerwünscht und unnütz gelten. Diese Bevölkerungsgruppen werden ausgesondert, überwacht und um eigene Subsistenzmittel gebracht. Sie werden diesen Räumen entweder aus Gründen der öffentlichen Ordnung oder in Ermangelung anderer Wohnmöglichkeiten zugeordnet und finden sich in geschlossenen, abgetrennten Örtlichkeiten verschiedener Ausprägung wieder. Diese Räume erlauben es den Behörden, Bevölkerungsgruppen, die sich in Bewegung befinden, Abweichende, Flüchtlinge oder MigrantInnen zu versammeln und mit militärischen Techniken zu kontrollieren, und sie auf unbestimmte Zeit von der restlichen Bevölkerung abzusondern.
Trotz der vielen Spielarten von Zwangsunterkunft gehen wir von einer Kohärenz und Kontinuität dieser Behausungsformen und des Wissens um die damit verbundenen Verwaltungs- und Funktionsmechanismen aus. Die spezifischen Modalitäten der Zusammenfassung von AusländerInnen oder marginalisierten Menschen, als Antwort auf Krisen- und Bedrohungssituationen, sind konkret während des Ersten Weltkriegs entstanden. Sie sind Teil des Prozesses der "Trivialisierung" [Banalisierung], der sich in Friedenszeiten eingestellt hat und den wir die Militarisierung der sozialen Frage nennen.
Wir konnten auf Grund von mehreren sozialgeschichtlichen Einzeldarstellungen über Wohnformen zu verschiedenen Zeiten die Nutzungsart und die Verwaltung von Orten rekonstruieren, die infolge einer Zweckentfremdung als Zwangsunterkünfte genutzt wurden. Diese Örtlichkeiten weisen verschiedene paradoxe Merkmale auf. Die Zwangsunterkunft bedeutet zunächst einmal eine gewollte, auf Dauer angelegte Notlösung, die die soziale und wirtschaftliche Prekarität verlängert. Die Zwangsunterkunft ist sozial und räumlich von der restlichen Gesellschaft abgeschieden, jedoch nie vollständig von der Aussenwelt abgeschnitten und es bestehen Verbindungen zur Arbeitswelt. Zudem wird in diesen Räumen zur Norm, was eigentlich ausserhalb der Norm steht, sowohl bezüglich Bausubstanz - in der Tat kann jeder Raum für die Funktion einer Zwangsunterkunft umgebaut werden - als auch bezüglich Lebensbedingungen und Status der dort lebenden Menschen. Schliesslich lassen die Behörden solche Wohnformen entstehen, während sie gleichzeitig eine strukturierte Raumplanung im Hinblick auf Hygiene, öffentliche Gesundheit und Integration betreiben. In unseren Augen ist der paradoxe Charakter der Situation nur ein scheinbarer, denn die Zwangsunterkunft ist eingebunden in den politischen Umgang mit den betroffenen Bevölkerungsgruppen: Einerseits werden sie einer "abstossenden" Umgebung zugeordnet, die ihnen ganz konkret vor Augen führt, dass sie unerwünscht sind, und anderseits ermöglicht diese Umgebung verschiedene Prozesse der Identifikation und Ausdifferenzierung sowie Hierarchisierung verschiedener Identitäten.
Der Begriff der "Zwangsunterkunft" ist von heuristischem Interesse [d.h. ist wertvoll, weil er neue Einsichten und Interpretationen ermöglicht]. Damit können verschiedene Formen von Unterbringung, Lagern, administrativen Haftstätten, Baracken, Kasernierung, Fabrikunterkünften, Transitstellen, Arbeiterheimen und humanitären Zentren verglichen und analysiert werden, die sonst kaum oder gar nicht wissenschaftlich untersucht werden. Die Analyse kann somit kollektive Vorstellungen von Raum und Wohnen sowie die Raumprojektionen von Behörden sowie wirtschaftlichen und sozialen AkteurInnen herausarbeiten. Zudem können die verschiedenen Bevölkerungsgruppen, die diesen Räumen zugeordnet werden, soziologisch verglichen werden. So kann der übliche Ansatz dekonstruiert werden, der diese Formen von prekärem Wohnen oft als Not- und Übergangslösungen rechtfertigt. Denn im Unterschied zur Notunterkunft ist die Zwangsunterkunft keine vorübergehende Antwort, verbunden mit der Perspektive auf eine normale Unterbringung, sondern ein auf Dauer angelegtes Provisorium. Damit wird keineswegs die Integration oder Reintegration in die Gesellschaft gefördert. Im Gegenteil handelt es sich um eine Minimallösung zur Fernhaltung der betreffenden Bevölkerungsgruppen.
Die Zwangsunterkunft unterscheidet sich von Slums, besetzten Häusern und generell von der illegalen oder tolerierten Besetzung eines Areals oder eines Gebäudes, obwohl es Übergänge zwischen diesen Wohnformen und der Zwangsunterkunft geben kann. Eine Genealogie dieser Räume ermöglicht ein besseres Verständnis von Formen von Unterbringung, die Ähnlichkeiten mit der Zwangsunterkunft aufweisen. Der seit mehreren Jahrzehnten fortschreitende Aufbau von Empfangsstellen für Flüchtlinge und Asylsuchende hat die Zunahme und Diversifikation von Formen und Status der Gebäude nicht verhindert, die für prekäres, nicht der Norm entsprechendes Wohnen genutzt werden und in denen das Recht auf eine unabhängige Wohnung mit Zwangsmechanismen verbunden oder gar verneint wird.
Die Zwangsunterkunft ist keine Ausnahme, sondern erscheint als wiederkehrendes Element in der Palette der Massnahmen zum Umgang mit gewissen Bevölkerungsgruppen, sei es durch öffentliche oder private Stellen. Die Zwangsunterkunft ist eine veränderliche Erscheinung und kann in den verschiedensten Bedingungen zum Einsatz kommen, als Strafmassnahme oder "Selektionsschleuse", aber auch als pragmatische und routinemässige Lösung angesichts von nicht befriedigtem Wohnbedarf. Im derzeitigen Umfeld gehört die Zwangsunterkunft zu den Techniken (privater und öffentlicher Akteure) der urbanen Zwangsmobilität im Hinblick auf Festhalten oder aber Wegweisung gewisser "Risikogruppen", die entfernt und unsichtbar gemacht werden sollen. Hinzu kommt, dass die Bereitstellung einer Wohnung - und sei diese noch so armselig - für obdachlose Individuen oder Gruppen immer auch eine humanitäre und entpolitisierende Dimension aufweist. Damit verbunden sind auch Ansätze von Sozial- und Fürsorgepolitik, mit den entsprechenden Verpflichtungen. Je nach Informationsstand toleriert die öffentliche Meinung diverse Formen von Zwangsunterkunft, denn die Behörden präsentieren eine in sich widersprüchliche Kombination von Argumenten betreffend Sicherheitspolitik, Nothilfe und massvolle Gastfreundschaft. Die Zwangsunterkunft kann auch für die Analyse der aktuellen Transformation des Umgangs - an der Schnittstelle zwischen juristischen und administrativen Massnahmen - mit "Ausgegrenzten" hilfreich sein: AusländerInnen, aber auch "neue Alte", "Geisteskranke" und generell neue "Bedrohungsfiguren".
Schliesslich kann nur die Analyse der Subjektivität der Menschen, die gegen ihren Willen in Zwangsunterkünften leben, deutlich machen, wie die von den einen geplante "Gemeinschaft" zum "politischen Gefängnis" für die anderen wird.
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Marc Bernardot, maître de conférences für Soziologie an der Universität Lille 1, Spezialist für Unterkunft und Migration, arbeitet zurzeit über moderne Formen der Internierung und Einsperrung von AusländerInnen und Menschen mit abweichendem Verhalten, unter anderem beim wissenschaftlichen Netzwerk Terra. Text in voller Länge auf Französisch: "Déplacer et loger les indésirables, sociologie du logement contraint", siehe http://terra.rezo.net/article337.html. Übersetzung der hier abgedruckten Ausschnitte durch attactuell.
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