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Der Westen und der Rest der Welt

Die so genannte Finanzkrise hat nicht nur Auswirkungen auf den globalen Norden, sondern strahlt auf den globalen Süden aus. Aus globalisierungskritischer Perspektive ist es von höchster Wichtigkeit, die Veränderungen im Süden zu verstehen. Wir übernehmen hier einen Artikel von Yash Tandon, der am 8. Oktober 2008 im dailytimes-nigeria abgedruckt wurde.

Die von den USA geführte, schuldenfinanzierte globale Wirtschaft ist am Zerfallen. Welche Lektionen können die Politiker und Führungskräfte des globalen Südens aus dem Finanzkollaps des westlichen Kapitalismus lernen?

Die erste Lektion ist sicher, dass im Gegensatz zu den herrschenden Überzeugungen der Markt keine sich selbst korrigierenden Mechanismen besitzt. In der gegenwärtigen Krise beobachten die „Marktmacher“ nervös von der Tribüne aus, wie der US-Kongress und die Politiker sich zusammentun, um zu beratschlagen, wie die Banken zu retten wären.

In unzähligen Berichten und politischen Empfehlungen von „Experten“ des Internationalen Währungsfonds (IWF), der Weltbank und der Welthandelsorganisation (WTO) sowie von Politikern des Nordens wurden den Politikern und Führungskräften des Südens vorgeschrieben, dass sie ihre Wirtschaften gefälligst dem Markt zu unterwerfen hätten.

Noch am 9. Februar dieses Jahres sagte der EU-Handelskommissar Peter Mandelson in Cambridge, wenn der Süden seine Märkte nicht liberalisiere, müsste er durch Anwendung der Reziprozitätsregeln der WTO dazu gezwungen werden. Das ist Teil der neoliberalen Rhetorik.

„Wenn Firmen bankrott gehen, lass es zu. Jedwede staatliche Intervention oder Abfedern von Härtefällen ist zu vergleichen mit der Pflege sterbender Patienten. Im Lauf der Zeit werden die Länder ihre „Nische“, ihren Vorteil in der globalen Produktions- und Handelskette finden.

Wenn die Menschen in der Zwischenzeit leiden, muss man ihnen klar machen, dass dies notwendige Anpassungsschmerzen sind. Wenn Millionen von Kleinbauern der Lebensmittel- und Baumwollproduktion im Süden untergehen, weil der „freie Markt“ weitere Liberalisierung des globalen Markts fordert, dann ist das für sie und ihre Familien eben Pech. Diese Logik wird nun paradoxerweise auf den Kopf gestellt, wenn es darum geht, die monolithischen Finanzinstitute des Nordens zu retten und die Arbeitsplätze und Hypotheken derer zu schützen, die, ohne dass sie was dafür konnten, Opfer der Krise um die Subprime-Hypotheken wurden.

Die zweite Lektion der Finanzkrise ist, dass Menschen doch eine Bedeutung haben. Während der US-Wahlen zeigte sich, dass Menschen, die so lang ignoriert wurden, plötzlich wieder zählten.

Es gibt allerdings einen wichtigen Unterschied zwischen dem Norden und dem Süden. Im Norden warten die Menschen bis zur nächsten Wahl, im Süden gehen sie sofort auf die Strasse. Im Norden warten sie wie passive Beobachter darauf, dass Politiker und Banker ihr Schicksal entscheiden.

Im Süden nehmen die Menschen ihr Schicksal in die eigenen Hände und bringen abrupte Regierungswechsel zustande (auch Militärcoups) oder sie stimmen mit ihren Füssen ab, migrieren in Nachbarländer oder in den Norden. Das sind Verallgemeinerungen, aber sie enthalten ein Kern Wahrheit. Menschen im Norden und im Süden leben unter unterschiedlichen Bedingungen und handeln im Rahmen dieser Bedingungen und der staatlichen Institutionen. Wenn der Norden vom Süden verlangt, dass er das Regierungssystem und die Demokratie des Nordens kopieren soll, dann bedeutet dies, historische Realitäten zu ignorieren.

Als dritte Lektion ist aufzuführen, dass die Krise dem kapitalistischen System inne wohnt. Walden Bello, führender Analyst von Focus on Global South, erklärt die gegenwärtige Finanzkrise mit der Überproduktion von Kapital und dem ungenügenden Konsum der Massen. Und das ist tatsächlich der Fall.

Auf der einen Seite werden grosse Mengen fiktiven Kapitals wie z.B. Collateral Debt Obligations (CDOs) angehäuft. (CDOs sind clevere Instrumente, die AAA-gesicherte- Anlagen mit wertlosen – oder „toxischen“- Papieren vermischen und als gesicherte Papiere gelten, welches die Grundlage der Subprime-Krise ist).

Andererseits, während die Eliten der Firmen Millionen verdienen (Goldmann-Sachs: 30000 Angestellte verdienten $ 600’000 im Jahr und sein Vorstandsvorsitzender $68 Mio.), sind Millionen Menschen in den USA hoch verschuldet. Sie können sich keine zwei Mahlzeiten am Tag leisten, ihre medizinischen Rechnungen nicht begleichen, oder ihre Hypotheken nicht bedienen.

Neben der Überproduktion von Kapital und dem mangelndem Konsum der Massen ist die Tatsache, dass der Kapitalismus in seinem Wesen ein anarchisches System ist, eine der grundsätzlichen Ursachen der Finanzkrise. Adam Smiths unsichtbare Hand, in der Jedermanns Gier die Basis für das soziale Wohl ist, wirkt als Formel der Anarchie.

Schumpeter idealisiert den Kapitalismus als einen Prozess „konstruktiver Zerstörung“. In der Geschichte zeigt sich indessen die tägliche, schreckliche Zerstörung menschlichen Lebens, der Kultur und der Umwelt (deren Ende noch nicht abzusehen ist), verursacht durch neoliberale Politik. Es ist ein fragwürdiges Kompliment für Adam Smith, dass seine Theorien in den unterschiedlichsten Ausformungen so langlebig sind, jetzt zum Ende in der Form des Neoliberalismus. Aber es ist nun an der Zeit, den Geist von Adam Smith zur Ruhe zu bringen.

Kein Weg führt zurück zum Neoliberalismus nach dieser Subprime-Krise und der Verstaatlichung der Banken und ihrer globalen Vermögen. Der Neoliberalismus ist tot oder stirbt einen langsamen Tod.

Die vierte Lektion ist die Erkenntnis, dass die Führungskräfte des Nordens und die Finanzkapitäne nicht mehr vorgeben, die Natur der Krise ganz zu verstehen. Sie gestehen, dass sie nicht wissen, welche Art von „wahrem Wert“ mit aufgeblasenen Schulden behafteten kommerziellen Papieren (wie die CDO) zugrunde liegt.

Sie reden davon, "giftige" oder "verkrebste" Papiere aus dem System zu nehmen, aber niemand weiss, wie das geschehen soll. Niemand weiss wie der Körper von Krebszellen befreit werden kann. Der ganze Körper metastasiert. Mit anderen Worten: hier liegt eine Realitätsverkennung vor. Sie wissen es einfach nicht. Das alte Paradigma, das ihr Selbstverständnis bildete, ist zusammengebrochen.

Sie mögen das Unmögliche versuchen, um Zerbrochenes wieder zu reparieren (wie, weiss niemand), aber das Krebsgeschwür wird sicher weiter wachsen. Das System steuert auf einen dramatischen Untergang zu.

Es gibt noch eine fünfte Lektion für die Führungskräfte des Südens: Zu lange haben sie den Neoliberalismus als All-Heilmittel für die Übel der Armut und des Mangels in ihren Ländern gesehen. Einige fanden eine Rechtfertigung in der Erschaffung von persönlichem Reichtum, der sie in die Reihe der reichsten Hundert Menschen der Welt des Magazins Fortune brachte. Aber die Bevölkerung ihrer Länder leidet und widersetzt sich jetzt. Im Widerstand der Bevölkerung gegen den Versuch Tatas die neue Autoindustrie nach Bengalen in Indien zu bringen, liegt ein symbolisches Zeichen, wohin die Zukunft weist, und die Führer tun gut daran, dieses Zeichen zu beachten.

Die Führer des Südens, die dachten, es gäbe keine andere Möglichkeit als die Integration in die globalisierte Welt, und sogar die, die von einer „fairen Globalisierung“ sprachen, müssen einen Schritt zurücktreten und ihre Position revidieren.

Die Industriekapitäne und die Besitzer privater Vermögen im Süden könnten jetzt versucht sein, Vermögen und Banken im Norden billig zu erwerben. Es ist aber unwahrscheinlich, dass die Regierungen des Nordens, die sie verstaatlicht haben, dies zulassen werden. Dass sie soweit „entstaatlicht“ werden, dass der Besitz und die Kontrolle in die Hände der Finanz- und Industrieriesen des Südens geraten.

China mag die Werkstatt der Welt sein, Indien ihr Kommunikationszentrum und Brasilien ihre Farm. Aber zu erlauben, dass China, Indien und Brasilien die Befehlszentren der Wirtschaft des Nordens besetzen, wäre für den Norden selbstmörderisch. Das Kapital des Südens wäre stattdessen besser und profitabler genutzt, wenn es in die Entwicklung des Südens investiert würde und zur Verbesserung der kollektiven Fähigkeit, das eigene Schicksal in die Hand zu nehmen.

Was wir in den nächsten Jahrzehnten besonders zwischen den älteren Industrieländern des Nordens und den neu industrialisierten Ländern des Südens beobachten werden, ist ein verstärkter Wettbewerb um die globalen Ressourcen von Öl, Energie, Land, Wäldern, Wasser, Mineralien usw.

Der Kapitalismus hat über 400 Jahre Raubbau betrieben mit den verheerenden ökologischen Folgen der globalen Erwärmung, Dürren, Wassermangel, Bodenschäden, Waldsterben, Gletscherschmelzen, Destabilisierung des asiatischen Monsuns usw.

Dies hat zu Umweltmigration (wir haben also Umweltflüchtlinge ebenso wie wirtschaftliche und politische Flüchtlinge) und Landnutzungskonflikten geführt. Wir beobachten nicht nur das Abschmelzen des globalen Finanzmarkts, sondern auch des kapitalistischen und ökologischen Systems. Daher ist die letzte Lehre aus der gegenwärtigen Konjunkturkrise des Finanzsystems, dass die Führer des Südens sich in eine Diskussion mit ihrer Bevölkerung begeben müssen, im Versuch, eine andere Welt zu schaffen. Eine Welt, die auf einem anderen Paradigma gründet, im Gegensatz zu dem 400-jährigen kapitalistischen Paradigma, das sich jetzt in Auflösung befindet.

Yash Tandon, geschäftsführender Direktor des South Centre, Genf, ist der Autor von Ending Aid Dependence (Hilfsabhängigkeit beenden), das beim kürzlich abgeschlossenen, in Accra/Ghana gehaltenen 3. High Level Forum on Aid Effectiveness (Spitzenforum zur Wirksamkeit von [Entwicklungs-]Hilfe) herausgegeben wurde.

Übersetzung Bernt Lampe

Lektoriert Jutta Pflugmacher

 

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Online am 8. Januar 2009

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