Wir publizieren hier die Solidaritätserklärung von Lehrenden und Forschenden zu den Protesten an den Schweizer Universitäten.
Im Rahmen einer internationalen Aktionswoche "Education is not for sale" haben auch an schweizerischen Universitäten (Basel, Bern, Fribourg, Genf, Zürich) zahlreiche Studierende mit Demonstrationen, Besetzungen, Diskussionsveranstaltungen und oft originellen Aktionen auf ihre Anliegen aufmerksam gemacht. Sie kritisieren die Bologna-Reform, die allgemeine
Tendenz zur Ökonomisierung der Hochschulen, undemokratische Strukturen, die Untervertretung der Frauen bei Professuren und Leitungsfunktionen, die soziale Selektivität (Studiengebühren u.a.) sowie die oft schlechten Studien- und Arbeitsbedingungen (dabei haben sie nicht selten auch an das Reinigungspersonal und andere Angestellte in
unqualifizierter Beschäftigung gedacht).
Bisher haben Hochschulverantwortliche und bildungspolitische Behörden – wenn überhaupt – mit wenig Verständnis auf diese Proteste reagiert. Aus den Reihen des Mittelbaus und der Dozierenden ist es nur vereinzelt zu wohlwollenden Stellungnahmen gekommen. Daran möchten wir etwas ändern.
Aufgrund unserer Erfahrungen in Forschung und Lehre sind wir überzeugt, dass die von den Studierenden aufgeworfenen Fragen von grosser Bedeutung für die Zukunft der Hochschulen sind. Wir wissen zudem, dass auch unter den Forschenden und Dozierenden viel Unmut und Kritik an den gegenwärtigen Entwicklungen im Hochschulbereich verbreitet ist. Der mit der Verschulung des Studiums gestiegene Betreuungs-/Kontrollaufwand, die mit der forcierten Drittmittelorientierung verbundene Gefahr des Verlusts an kritisch-unabhängiger Forschung
oder die in Managerdiskurse gehüllte Bürokratisierung der organisatorischen Strukturen der Hochschulen führen zu einer schleichenden Verschlechterung der Arbeitsbedingungen des
wissenschaftlichen Lehr- und Forschungspersonals.
Wie die protestierenden Studierenden setzen wir uns dafür ein, dass die Hochschulen nicht auf die doppelte Funktion zugeschnitten werden, einerseits mit wenig Aufwand eine grosse Zahl von "arbeitsmarktbefähigten" Subjekten sowie darüber hinaus eine schmale Elite der "Exzellenz" zu produzieren. Wir schliessen diese Erklärung mit einem dreifachen Aufruf:
1) An die Hochschulverantwortlichen und die bildungspolitischen Behörden richten wir die Aufforderung, die studentischen Proteste ernst zu nehmen und die Bedingungen für eine breite öffentliche Diskussion zu schaffen, in der die an den Hochschulen studierenden und arbeitenden Menschen in angemessener Weise zu Wort kommen.
2) An die Kolleginnen und Kollegen in Forschung und Lehre wenden wir uns mit der Aufforderung, in die aktuellen politischen auseinandersetzungen einzugreifen, ihren Unmut und ihre Kritik öffentlich zu äussern und in einen ehrlichen und (selbst)kritischen Dialog mit
den Studierenden zu treten; dabei könnte das Ziel verfolgt werden, ähnlich wie die Kollegen und Kolleginnen in Österreich einen eigenen Forderungskatalog aufzustellen (siehe unter: http://unsereuni.at/?p=6188).
3) An die protestierenden Studierenden richten wir die Ermunterung, sich durch ignorante oder arrogante Reaktionen nicht entmutigen zu lassen, sowie den Wunsch, den Austausch mit Forschenden und Dozierenden zu suchen sowie bei ihren Diskussionen und Forderungen auch an die Menschen zu denken, die keinen Zugang zu Hochschulbildung haben.
ErstunterzeichnerInnen dieser Erklärung (87 Personen) (alphabetisch, Stand Freitag 20. November 12.00 Uhr):
Norbert A’Campo, Professor für Mathematik, Universität Basel
Michèle Amacker, Diplomassistentin am Departement Soziologie, Sozialpolitik und Sozialarbeit, Universität Fribourg.
Fabienne Amlinger, Historikerin am Interdisziplinären Zentrum für Geschlechterstudien, Universität Bern.
Regula Argast, Oberassistentin an der Forschungsstelle für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Universität Zürich
Peter-Paul Bänziger, Historiker, Dozent an der Kulturwissenschaftlichen
Abteilung, Universität St. Gallen
Elisabeth Bäschlin, Dozentin am Geographischen Institut, Universität Bern
Sara Bernasconi, Forschungsstelle für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Zürich
Sabin Bieri, Sozialgeographin und Dozentin am Geographischen Institut und Interdisziplinären Zentrum für Geschlechterforschung der Universität Bern
Daniel Blumer, Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Fachhochschule Nordwestschweiz
Claude Calame, Anthropologue, Professeur à l’Université de Lausanne
Marie-Claire Caloz-Tschopp, professeure titulaire à l’Université de Lausanne
Andreas Cassee, Assistent am Philosophischen Seminar, Universität Zürich
Stephan Egger, Oberassistent am Seminar für Soziologie, Universität St. Gallen
Ruedi Epple, Lehrbeauftragter am Departement Soziologie, Sozialpolitik und Sozialarbeit, Universität Freiburg
Lilian Fankhauser, Germanistin, Interdisziplinäres Zentrum für Geschlechterforschung, Universität Bern
Meret Fehlmann, Assistentin am Institut für Populäre Kulturen, Universität Zürich
Romain Felli, assistant diplômé et doctorant à l’Université de Lausanne
Dani Fels, Professor und Projektleiter am Kompetenzzentrum Soziale Räume, Fachhochschule St. Gallen
Anne-Vaia Fouradoulas, Université de Fribourg
Miriam Ganzfried, Interdisziplinäres Zentrum für Geschlechterforschung, Universität Bern
Michael Gemperle, Assistent am Soziologischen Seminar, Universität St. Gallen
Andrea Glauser, Wissenschaftliche Assistentin am Institut für Soziologie der Universität Bern
Johannes Gruber, Lehrbeauftragter am Institut für Soziologie, Universität Basel
Sébastien Guex, Professeur à la Faculté des lettres, Section d’histoire, Université de Lausanne
Christoph Henning, Kulturwissenschaftliche Abteilung, Fachbereich für Philosophie, Universität St. Gallen
Denis Hänzi, Assistent am Institut für Soziologie, Universität Bern
Heiko Haumann, Professor am Historischen Seminar der Universität Basel
Andreas Hasler, Doktorand am Geographischen Institut, Universität Zürich
Alix Heiniger, Assistante Département d’Histoire générale, Université de Genève
Cornelius Helmes, Dozent an der Pädagogischen Hochschule Bern
Barbara Hobi, Assistentin am Institut für Erziehungswissenschaft, Universität Zürich
Patricia Holder, Assistentin am Soziologischen Seminar, Universität St. Gallen
Claudia Honegger, Professorin für Soziologie, Universität Bern
Ueli Hostettler, Oberassistent am Departement Soziologie, Sozialpolitik und Sozialarbeit, Universität Freiburg
Andrea Hungerbühler, Doktorandin am Institut für Soziologie, Universität Bern
Kurt Imhof, Professor am Soziologischen Institut, Universität Zürich
Anna Joss, Doktorandin an der Forschungsstelle für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Universität Zürich
Hans-Ulrich Jost, emeritierter Professor in Geschichte, Universität Lausanne
Anelis Kaiser, Assistentin am Zentrum für Gender Studies, Universität Basel
Wiebke Keim, Oberassistentin am Departement Soziologie, Sozialpolitik und Sozialarbeit, Universität Freiburg
Felix Keller, Dozent, Soziologisches Seminar, Universität St. Gallen
Karin Keller, Forschungsassistentin am Institut für Entwicklungspsychologie, Uni Basel
Anne Kersten, Assistentin am Departement Soziologie, Sozialpolitik und Sozialarbeit, Universität Freiburg
Alex Knoll, Doktorand am Departement Erziehungswissenschaft, Universität Fribourg
Martina Koch, Forschungsassistentin, Fachhochschule Nordwestschweiz, Olten
Daniel Künzler, Doktorassistent am Departement Soziologie, Sozialpolitik und Sozialarbeit, Universität Freiburg
Lucia Lanfranconi, Diplom-Assistentin, Departement Soziologie, Sozialpolitik und Sozialarbeit, Universität Freiburg
Matthieu Leimgruber, Département d’histoire économique, Université de Genève
Barbara Lüthi, Assistentin am Historischen Seminar, Universität Basel
Christoph Maeder, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Soziologie (SGS)
Ueli Mäder, Professor am Institut für Soziologie, Universität Basel
Katharina Manderscheid, Oberassistentin am Soziologischen Seminar, Universität Luzern
Sonja Matter, Wissenschaftliche Assistentin am Historischen Institut, Universität Bern
Andrea Maihofer, Professorin am Zentrum für Gender Studies, Universität Basel
Urs Marti, Titularprofessor für Politische Philosophie, Universität Zürich
Franz Andres Morrissey, Lehrbeauftragter am Englischen Seminar, Universität Bern
Heinz Nigg, Lehrbeauftragter am Institut für Sozialanthropologie, Universität Bern
Sven Opitz, Wissenschaftlicher Assistent am Institut für Soziologie, Universität Basel
Simone Pape, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Soziologischen Institut, Universität Zürich
Isabelle Probst, Chargée de recherche, HES-SO, EESP Lausanne
Patricia Purtschert, Assoziierte Forscherin / Lehrbeauftragte, Zentrum für Gender Studies, Universität Basel
Diana Reiners, Dozentin am Soziologischen Seminar, Universität St. Gallen
Marina Richter, Doktorassistentin am Departement Soziologie, Sozialpolitik und Sozialarbeit, Universität Fribourg
Myriam Rutschmann, Doktorandin am Institut für Erziehungswissenschaft, Universität Zürich
Tobias Scheidegger, Assistent am Institut für Populäre Kulturen, Universität Zürich
Sebastian Schief, Departement Soziologie, Sozialarbeit & Sozialpolitik, Universität Fribourg
Sarah Schilliger, Assistentin am Institut für Soziologie, Universität Basel
Brigitte Schnegg, Historikerin, Leiterin des Interdisziplinären Zentrums für
Geschlechterforschung der Universität Bern.
Klaus Schönberger, Dozent Departement Kunst & Medien, Zürcher Hochschule der Künste
Franz Schultheis, Professor für Soziologie, Universität St. Gallen
Amir Sheikhzadegan, Oberassistent am Departement Soziologie, Sozialpolitik und Sozialarbeit, Universität Freiburg
Beda Stadler, Professor am Institut für Immunologie, Universität Bern
Ivo Staub, Assistent am Departement Soziologie, Sozialpolitik und Sozialarbeit, Universität Freiburg
Brigitte Studer, Professur für Schweizer und Neueste Allgemeine Geschichte, Universität Bern
Tobias Studer, Assistent am Institut für Erziehungswissenschaft, Universität Zürich
Peter Streckeisen, Oberassistent am Institut für Soziologie, Universität Basel
Michael Suter, Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Forschungsstelle für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Universität Zürich
Peter Trübner, Professor an der Fachhochschule Nordwestschweiz, Liestal
Gisela Unterweger, Oberassistentin am Institut für Populäre Kulturen, Universität Zürich
Luc van Dongen, chercheur FNS associé à l’Université de Fribourg
Nelly Valsangiacomo, Professeure assistante section histoire, Université de Lausanne
Claudia Vorheyer, Oberassistentin am Soziologischen Institut, Universität Zürich
George Waardenburg, Chargé de recherche, HES-SO, EESP Lausanne
Franziska Widmer, Wissenschaftliche Assistentin am Institut für Erziehungswissenschaft, Universität Zürich
Antonin Wiser, Assistant diplômé, Université de Lausanne
Nils Wyssbrod, Diplomassistent am Departement Soziologie, Sozialarbeit und Sozialpolitik, Universität Freiburg
Chris Young, Diplomassistent am Departement Soziologie, Sozialpolitik und Sozialarbeit, Universität Freiburg
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Der Name der Clementinen, dieser süssen und duftenden Frucht, lässt an Milde denken, so wie man von der Milde eines Herbsttags im November spricht. Tatsächlich ziehen ab November Wanderarbeiter – im Wesentlichen Schwarzafrikaner und Maghrebiner - zu Tausenden nach Kalabrien, um Mandarinen, Clementinen und zum Schluss Orangen zu ernten.
„Wie Ratten“
Was sie erwartet, ist die Härte, Grausamkeit und Willkür einer Mafia von Ausbeutern, die sie als „unsichtbare Menschen“ betrachten. Unsichtbar sind sie zweifellos. In der Ebene von Gioia Tauro – in den Gemeinden Rosarno, San Ferdinando, Taurianova, Rizziconi und Gioia Tauro – überleben sie in Randzonen, in „Dörfern“ aus Karton oder zusammengepfercht in grossen, seit mehr als zwanzig Jahren stillgelegten Fabriken. Oder wie es mehrere von ihnen den Journalisten gegenüber formulierten: „Wir leben mit den Ratten, wie Ratten.“
Die meisten von ihnen haben eine wahre Odyssee hinter sich, bei der sie in der Wüste, auf dem Meer, in den Auffanglagern mitansehen mussten, wie Freunde starben, oder Verletzungen erlitten, die sie für den Rest ihres Lebens behindern werden. Die Überlebenden erfahren hingegen trostlose Lebensbedingungen im „Aufnahmeland“. Und die italienischen Behörden (wie die der europäischen Länder) verlangen von ihnen fast noch, dafür dankbar zu sein.
Nur ihre Arme und ihre Hände sind sichtbar und nur sie zählen. Was sie tun sollen, ist Zitrusfrüchte pflücken - und das schweigend, ohne den Blick zu heben. Sie sollen den Vorarbeitern gegenüber Dankbarkeit zeigen, wenn sie ihnen für 12 bis 14 Stunden Arbeit 20 Euro als Verdienst in die Hand drücken, an jenen Tagen, wenn diese ihnen freundlicherweise Arbeit geben. Von diesen 20 Euro werden ihnen 5 gleich wieder für den Transport abgenommen. Ein paar Euro müssen an den Vorarbeiter „abgegeben“ werden, der für sie „den Job gefunden“ hat. Letztere haben ein ganzes System „falscher Kooperativen“ aufgebaut, durch die sie an verschiedene Zuschüsse gelangen können.
Das Glied einer Kette
Diese zu Tausenden zugewanderten Arbeiter leben meist in ungesicherten Verhältnissen, häufig ohne gültige Papiere, da eine Aufenthaltserlaubnis an einen Arbeitsvertrag gebunden ist… Sie bilden eine Art Wandertruppe, die je nach Erntezeit Italien von einer Region zur nächsten durchquert: von den Kartoffeln über die Zitrusfrüchte oder der Gemüseernte bis zur Weinlese.
Sie sind das letzte Glied in der Kette: die Supermärkte und die Grosshändler setzen den Preis pro Kilo Clementinen fest, dann bestimmen die Produzenten die Arbeitsbedingungen und den Lohn. Ein Beispiel aus Kalabrien: ein illegaler Saisonarbeiter erhält für ein Kilo Clementinen 2 bis 3 Cent (5 bis 6 mal weniger als ein Arbeiter mit gültigen Papieren); der den Produzenten bezahlte Preis: 30 bis 32 Cent das Kilo; der Preis in den italienischen Supermärkten: zwischen 1,50 Euro und 2,50 Euro das Kilo (La Repubblica, 11. Januar 2010; 1 Euro = 1,48 CHF).
In Kalabrien oder in anderen Regionen spielen die verschiedenen Mafia-Organisationen de facto die Rolle von Subunternehmen der Grosshandelsketten. Durch Unterdrückung und die Beseitigung von Personen, die ihnen die Stirn bieten und die als Anstifter bezeichnet werden, schaffen sie „Ordnung“ und regeln die „Gebietsverwaltung“. Darunter ist Folgendes zu verstehen: „wo der Wanderarbeiter hausen soll“, „wo er sich vorstellen und an wen er sich bei seiner täglichen Arbeit wenden soll“, „welche Orte ihm verboten sind“. Es ist kein Zufall, wenn ein Gericht in einem im Mai 2009 gefällten Urteil diese Situation als „Sklaverei“ bezeichnet.
Verzweiflung und Gewalt
Am Donnerstag, den 7.Januar 2010, haben sich in Rosarno um 18 Uhr hunderte aufgebrachter Saisonarbeiter auf der Nationalstrasse versammelt und sich in die 15000 Einwohner zählende Stadt begeben. Der Aufstand hat begonnen. Die Auflehnung gegen unablässige Demütigungen und die Reaktion auf ihr Leid – wie sie es selbst sagen, müssen sie nicht nur „wie Tiere“ leben, sondern werden auch noch schlechter behandelt als Tiere – waren der Zündstoff für einen legitimen Aufstand: sie haben ein paar Scheiben zerbrochen und einige Autos beschädigt.
Die Medien haben von ihrer Gewalt berichtet. Aber seit Jahren erleiden sie täglich vielfältige Brutalitäten. Am Mittwoch, den 6. Januar 2010, wurden ein junger Marokkaner, dann ein Wanderarbeiter aus der Elfenbeinküste und ein Togolese zur Zielscheibe von Scharfschützen, die „sich einen Spass daraus machten, mit einem Luftgewehr auf die Schwarzen zu schiessen“. Dieser Angriff hat als letzter in einer Reihe von vielen den Protestmarsch vom 7. Januar ausgelöst.
Bereits vor einem Jahr hatten Wanderarbeiter von Rosarno dort friedlich gegen solche Übergriffe demonstriert. Ihnen wurde kein Gehör geschenkt. Doch ihre erbärmlichen Lebensbedingungen, ihre beeinträchtigte Gesundheit, die Ausbeutungspraktiken, denen sie ausgesetzt sind, die wiederholten Erniedrigungen, all das ist seit Jahren bekannt. Caritas, Ärzte ohne Grenzen und einige Priester sowie Aktivisten haben vermehrt Artikel und Berichte veröffentlicht. Die Gewerkschaften haben diese Situation verurteilt, aber sie haben ihre Verteidigung nicht mitorganisiert.
Ihre Lage ist also nicht erst am 7. Januar 2010 „entdeckt“ worden. Es ist daher ein Skandal, wenn die Medien von beidseitigen Gewalttätigkeiten zu sprechen wagen. Dadurch wird die Gewalt von Menschen, die wie Tiere behandelt werden – und die für einmal den Mut hatten, offen zu protestieren – mit der institutionnellen Gewalt durch die Regierung und der Gewalt durch die Arbeitgeberschaft, der sie täglich ausgesetzt sind, gleichgesetzt. Diese Verzerrung ist bei der Darstellung von sozialen Protesten üblich.
„Die Jagd auf die Schwarzen“
Bereits am 8. Januar 2010 hat die Mafia und Teile der Bevölkerung „die Revanche“ organisiert. „Die Jagd auf die Schwarzen“ beginnt. Strafrunden werden organisiert. Dutzenden von Zuwanderern wird mit Jagdgewehren in die Beine geschossen, 60 oder 70 Bleikugeln bleiben in ihrem Fleisch stecken. Gleichzeitig werden die Baracken, die schwerlich als Unterkünfte bezeichnet werden können, von Bulldozern zerstört.
Die Polizei, die am 7. Januar brutal gegen die Wanderarbeiter vorgegangen war, koordiniert bereits am 8. und 9. Januar ihre Verlegung in Auffangzentren in Bari oder anderswo.
Der Minister Roberto Maroni zögerte nicht zu verkünden, dass die „Zwischenfälle von Rosarno“ einer „allzu grossen Toleranz“ gegenüber den illegalen Zuwanderern und jenen, die ihre Aufenthaltsgenehmigung verloren haben, weil sie keinen Arbeitsvertrag mehr haben, zuzuschreiben sei.
Der - offizielle oder mafiöse - Rassismus, die Diskriminierung und die Repression als Mittel, um die ArbeitnehmerInnen zu teilen, haben in Zeiten wirtschaftlicher Krisen und hoher Arbeitslosigkeit immer zugenommen. Die Suche nach Sündenböcken ist eine wohlerprobte Methode, um die Aufmerksamkeit von den tatsächlichen Ursprüngen einer sozialen Krise abzulenken.
Mit einem den Ausbeutern eigenen Zynismus haben Arbeitgeber und lokale Würdenträger sogleich wissen lassen: „Von jetzt an werden wir uns an Rumänen und Bulgaren wenden. Keine Schwarzen mehr hier.“ Ein schönes Beispiel dafür, was die Machthaber unter „Freizügigkeit“ in der Europäischen Union verstehen und wie sie sie nutzen.
Dort. Und hier ?
Was in Kalabrien geschieht – oder anderswo, in Spanien, in Frankreich, in Deutschland, – das gibt es auch in anderer Gestalt in der Schweiz.
Im Bauwesen ist die Einstellung ungesicherter Arbeitskräfte ohne gültige Papiere geradezu eine Spezialität der Subunternehmen für Betonschalungen und –armierungen. Die einzelnen Arbeitsbereiche werden von den grossen Auftraggebern (den wenigen grossen Unternehmen der Branche) abgestuft delegiert. Die Arbeiten der untersten Stufe werden von Tagelöhnern ausgeführt, die einer brutalen Ausbeutung ausgesetzt sind, die Bauunfälle riskieren und Hungerlöhne erhalten – ohne Sozialversicherungsbeiträge. Dasselbe findet im Gastgewerbe und in der Hotellerie usw. statt.
Der Protest der Saisonarbeiter von Rosarno enthüllt – einmal mehr – die unmenschlichen Bedingungen, mit denen ein Teil der ArbeitnehmerInnen leben muss. Aber er veranschaulicht auch die Logik eines Systems, in dem diejenigen, die nur ihre nackte Arbeitskraft zu verkaufen haben, zur „Zielscheibe“ werden, wenn sie keiner kollektiven Organisation angehören, die sie verteidigt. Wie es die Arbeiter von swissport in Genf – a contrario - gezeigt haben, deren Forderungen nach einem 9-tägigen Streik entsprochen wurde: Gehalt, Prämie, 100% bezahlte Krankheitstage.
Dieser Aufstand und die darauffolgende „rassistische Revanche“ zeigen auch die Dringlichkeit, die kollektive Legalisierung von Personen „ohne Papiere“ mit der Verteidigung der Rechte am Arbeitsplatz für alle zu verbinden. Auf diese Weise könnte sich ein Einheitsblock der ArbeitnehmerInnen gegenüber der regressiven Sozialpolitik und gegenüber der Konkurrenz unter ArbeitnehmerInnen [„vor der Türe draussen warten 100 andere“], die die Position der Einzelnen schwächen soll, bilden.
Der Protest ist auch eine Gelegenheit, die Macht der Grosshändler und der Supermarktketten ans Licht zu bringen: In diesem Sinn müssen die Lebensbedingungen der Arbeiter von Rosarno uns alle in unserer Funktion als ArbeitnehmerIn-VerbraucherIn zum Nachdenken bringen.
(14. Januar 2010)
Übersetzung: Angelika Gross und Annette Hess, Coorditrad.
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